Samstag, 22. Dezember 2012

Bücher mit Ecken und Kanten


Meiner Meinung nach ist das Tollste an der Independent-Autorenszene, dass es jetzt "Bücher mit Ecken und Kanten" geben darf, und die auch noch Erfolg haben. Ich habe nicht nur selber welche veröffentlicht, so wie es mir am besten gefällt, sondern inzwischen einige andere selbst verlegte E-Books gelesen, die sich in den Amazon Top 100 tummeln, oder auch in den Top 20 der Unterkategorien. Daraus hat sich für mich ein interessantes Bild ergeben, was mir absolut aus der Seele spricht und mich echt glücklich macht.

Da sind wirklich professionelle Autoren am Werke, die meiner Meinung nicht "aus Versehen" so ein paar dramaturgische Regeln missachten, sondern ganz bewusst. Im Austausch mit einigen erfahre ich, dass ihre Bücher irgendwann mal bei Agenten oder Verlagen vorlagen. Die Änderungswünsche sollten aber so grundsätzlich sein, dass die Autoren, platt von den Lektoraten, ihr Werk deprimiert in die Ecke feuerten und eine Weile bis ziemlich lange nicht mehr hervorholten. Zum Einen, weil ihre Autorenseele einen echten Hieb abgekriegt hatte, zum Anderen, weil irgendwas in ihnen doch zu überzeugt war, dass die Geschichte es nicht nötig hatte, nach den Lektoratsvorgaben runtergebügelt werden zu müssen.

"Der 7.Tag" von Nika Lubitsch zum Beispiel legte sich wegen so einem Lektorat 13 Jahre lang im untersten Schreibtischfach schlafen. Nika Lubitsch schildert mir genau die "dramaturgischen Fehler" in ihrem Buch, sie ist also im Bilde, was sie nach gängigen Regeln "falsch" macht und: Es funktioniert! Eine auf überraschend neue Weise erzählte Geschichte im altbekannten Genre. Alles, was man dramaturgisch sauber vorne und mittendrin einweben sollte, packt sie einfach nach hinten, und so bremst es nicht den Sog, den die Geschichte von der ersten Seite an entwickelt - ziemlich wirkungsvoll und es eröffnet ihr die Möglichkeit, einfach anders zu erzählen - cool.

Ich bin seit vielen Jahren in der Film-und Verlagswelt unterwegs, ich habe als Journalistin, Lektorin, Drehbuchautorin und Skriptdoktorin gearbeitet. Ich habe Schreibgruppen geleitet und einen ganzen Studiengang mitentwickelt, wie man Bestseller schreibt. Ich durfte Seminare bei schreibenden Hollywoodgrößen miterleben und mit Größen der deutschen Film. und Fernsehszene zusammenarbeiten. Zuerst macht man alles beim Schreiben falsch, was man falsch machen kann, dann studiert man Tag und Nacht, wie Schreiben und Dramaturgie funktioniert, man macht es nach, man inhaliert es, man schafft es sich rauf - und irgendwann sackt es ins Unbewusste, man fängt an, auf dieser Grundlage sein Eigenes zu entwickeln - und einfach die Regeln zu brechen - weil man Dinge auf eine bestimmte Art erzählen will.

Reicht man solche Exposees, Bücher oder Drehbücher bei Verlagen oder Filmproduktionen ein, kommt man allerdings nicht weit. Hier herrschen ganz bestimmte Vorstellungen und Schemata vor, wie eine Geschichte für Fernsehprogrammplätze oder Verlagssparten auszusehen hat - alle Ecken werden rund gemacht, alle Kanten abgefeilt und herauskommt, was man so kennt. Vielleicht muss es wirklich so sein - vielleicht können Verlage und Produktionen im großen Maßstab sonst nicht genug Geld verdienen. Vielleicht sind - bei Büchern - Verlage oft aber auch zu ängstlich oder aber nicht alle Lektoren wirklich fit. Das kommt schließlich in allen Berufsgruppen vor - ich weiß zum Beispiel nicht, wie hoch der Prozentsatz an Lehrern ist, die tatsächlich talentiert sind, Lehrer zu sein - ich glaube, nicht besonders hoch.

Wie auch immer es sich verhält - in Zeiten des E-Books brauchen sich Autoren darum nicht mehr so viele Gedanken machen. Sie müssen nicht mehr zuerst "vorbei" an Agenten oder Lektoren, um ein Publikum zu erreichen. Sie können dem Publikum jetzt ganz direkt etwas anbieten - und das ist ein Geschenk. Ich sehe dadurch auch nicht den Buchmarkt bedroht, keineswegs, es ist ein toller Zusatz, eine Bereicherung. Es gibt das Fernsehen und es gibt Youtube. Es gibt die Verlage und es gibt Independentautoren.

Ich finde, es ist völlig in Ordnung, dass sich jeder ausprobieren kann - mit Filmen wie mit Büchern. Die Leserschaft entscheidet, was gut ist und was nicht, was sie lesen und sehen wollen und was nicht. Kommentare und Rezensionen sind da meist sehr direkt  und ehrlich. Klar, gefakte Kommentare oder Rezensionen gibt es auch, aber fallen meiner Meinung nach nicht ins Gewicht. Wenn jemand nicht gleich 60 Rezensionen gekauft hat, was schon vorgekommen sein soll - erhält jedes Werk insgesamt eine aussagekräftige Bewertung. Und meine Erfahrung ist: Rezensionen sind zweitrangig - E-Bücher von Indie-Autoren sprechen sich ganz traditionell herum, wenn sie gut sind - so, wie es schon immer war bei Büchern und auch bei Filmen.

Besondere Romane, die nicht in gängige Schemata passen, haben endlich eine Chance, können ihr Publikum finden und können sogar ziemlich erfolgreich sein. Carina Bartsch beispielsweise erzählt eine tolle Jugendgeschichte - hin- und hergerissene Hauptfigur, Schwerpunkt auf dem inneren Konflikt, und das Ganze über 1000 Seiten lang. Ich bin mir sicher, kein Verlag hätte sich jemals darauf eingelassen, das Ding vorab, ohne den Amazon Kdp - Erfolgsbeweis zu drucken.

Besonders vor Hauptfiguren mit starkem inneren Konflikt wird zurückgeschreckt. Warum eigentlich??? Amerikanische Erfolgsfilme und Bücher machen doch immer wieder vor, wie gut das beim Publikum ankommt - einfach, weil die meisten Menschen innere Konflikte, die sie wie ein Blatt hin- und herschwanken lassen, nur allzu gut kennen und sich damit identifizieren.

Zum Abschluss ein Zitat von Marie-Claire Wimmer - eine Bloggerin, von der ich gestern meine 77igste Rezension erhalten habe - juchhuu, eine wirklich schöne und sehr professionell formulierte. Sie schrieb mir:

"Mir ist auch aufgefallen, dass oftmals die Bücher besonders lesenswert sind, entweder in Eigenregie herausgegeben worden oder bei kleineren Verlagen unter Vertrag sind. Die sind dann nicht so totlektoriert und haben noch das ganze Herzblut des Autors zwischen den Zeilen ... Bücher brauchen ihre Ecken und Kanten, um dem Leser ein stimmungsvolles Bild zu verschaffen."

Ich sehe, was an "Der 7.Tag" und "Kirschroter Sommer", "Türkisgrüner Winter" so richtig schön "falsch" ist und ich liebe es! Besonders das Herzblut spürt man oft, das stimmt! So, und jetzt mache ich es mir als nächstes mit "Taberna Libraria" gemütlich. Das ist bestimmt auch nicht "totlektoriert" und ich freue mich drauf!

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